Lena Hahn, kommissarische Leiterin der Kostümabteilung im Musical Dome Köln, über ihren Weg vom ersten Musicalpraktikum bis in die Leitungsposition, die Herausforderungen bei der Vorbereitung von Das Phantom der Oper und die kleinen und großen Pannen, bei denen hinter der Bühne Improvisationstalent gefragt ist.
Lena, du steckst gerade mitten in den Vorbereitungen für Das Phantom der Oper. Was war die größte Herausforderung?
Die vielen Kostüme und Einzelteile! Anfang August sind die ersten Kostüme angekommen, und das war wirklich eine Informationsflut. Wir mussten uns zunächst einen Überblick verschaffen: Welche Kostüme gehören zu welchen Darsteller*innen? Was ist bereits vollständig, was fehlt noch, was muss angepasst oder neu angefertigt werden? Dafür erstellen wir detaillierte Kostümlisten. Und natürlich müssen wir alles rechtzeitig zu den ersten Vorstellungen fertig haben.
Wie groß ist das Team, das diese Aufgabe bewältigt?
Wir sind momentan rund 24 Personen in der Kostümabteilung. Dazu gehören die Abteilungsleitung, die Dresser-Leitung, die Dresser*innen und die Schneiderei. Über den Sommer hatten wir sechs Schneiderinnen im Haus, normalerweise sind es drei. Dazu kommen insgesamt etwa 18 Dresser mit unterschiedlichen Arbeitszeiten. Als kommissarische Abteilungsleiterin bin ich vor allem für die Organisation zuständig, also beispielsweise für Bestellungen und die Personalplanung. Ich muss aber auch einen Überblick über die ganze Show haben, um alle Fragen rund um die Kostüme beantworten zu können. Außerdem muss ich Fittings planen, vorbereiten, durchführen und nötige Änderungen delegieren. Für die Kommunikation zwischen Abteilungen bin ich auch verantwortlich.
Werden die Kostüme direkt im Musical Dome angefertigt und angepasst?
Für die Fertigung arbeiten wir mit verschiedenen spezialisierten Werkstätten zusammen, aktuell mit fünf in Deutschland und weiteren in Großbritannien und Ungarn. Die Maße der Darsteller*innen werden bereits im Vorfeld genommen, sodass die Kostüme bei uns im Haus vor allem anprobiert und angepasst werden. Bei den zweiten Anproben geht es dann um den Feinschliff. Aber selbst wenn ein Kostüm im Fitting perfekt sitzt, heißt das noch nicht, dass wir fertig sind. Sobald die Darsteller*innen damit auf der Bühne stehen, tanzen und sich bewegen, zeigt sich oft erst, wo noch etwas verändert werden muss. Das gehört ganz normal zu unserer Arbeit. Und natürlich kümmern wir uns später auch um die Reparaturen.
HISTORISCHE PRACHT TRIFFT AUF MODERNE BÜHNENTECHNIK
Die Kostüme von Das Phantom der Oper sind teilweise ausgesprochen opulent. Welche sind besonders anspruchsvoll?
Die Kostüme für die Opernszene „Il Muto“ zum Beispiel. Sie sind im Rokokostil gehalten, mit vielen Rüschen, Blumen und Verzierungen. Teilweise sind die Unterröcke direkt in die Kleider eingearbeitet. Dadurch werden die Kostüme sehr schwer und voluminös. Schon sie unter eine Nähmaschine zu bekommen, kann schwierig sein.
Wie originalgetreu sind solche historischen Kostüme eigentlich gearbeitet?
Historische Schnitttechniken zu kennen, ist auf jeden Fall von Vorteil. Man versteht dann besser, wie die einzelnen Teile konstruiert sind und am Körper funktionieren. Aber im Theater muss man häufig Kompromisse machen. Wir verwenden beispielsweise Reißverschlüsse, auch wenn die historisch natürlich nicht korrekt wären. Bei einem schnellen Kostümwechsel kann man schließlich nicht erst 50 kleine Haken schließen. Da muss alles funktionieren, und zwar innerhalb weniger Sekunden.
Wie funktioniert so ein Quick Change?
Das ist eine ziemlich genau choreografierte Angelegenheit. Ein gutes Beispiel ist ein Kostümwechsel des Balletts im ersten Akt. Die Tänzerinnen tragen zunächst Morgenmäntel und müssen dann innerhalb von ungefähr 20 bis 30 Sekunden in ihre Tutus wechseln. Dafür werden die Kostüme vorher auf dem Boden vorbereitet. Tutu und Korsage sind bereits miteinander verbunden, sodass die Tänzerinnen praktisch nur noch hineinsteigen müssen. Die Dresser*innen ziehen das Kostüm hoch, schließen es, und schon geht es wieder auf die Bühne.
Was passiert, wenn mitten in einem solchen Kostümwechsel ein Reißverschluss kaputtgeht?
Das kommt durchaus vor. Man versucht natürlich immer, eine Unterbrechung der Vorstellung zu vermeiden. Manchmal lässt sich das Kostüm noch irgendwie schließen, manchmal muss man improvisieren. Bei Moulin Rouge! Das Musical hatten wir für Satine beispielsweise bei bestimmten Wechseln noch das Kostüm aus der vorherigen Szene als Ersatz bereitliegen. Wenn ein Reißverschluss komplett kaputtging, konnte sie notfalls dieses Kostüm wieder anziehen und auf die Bühne gehen. Welche Notfalllösungen wir bei Das Phantom der Oper brauchen, wird sich im Probenprozess zeigen.
Ist dir auch schon einmal während einer Vorstellung eine größere Kostümpanne passiert?
Eine gerissene Hosennaht hatten wir durchaus schon! Gerade bei Moulin Rouge! Das Musical wurde ja sehr viel getanzt, mit hohen Beinen und großen Bewegungen. Da kann so etwas passieren. Dann kommt es auch auf die darstellende Person an: Manche spielen einfach weiter, andere kommen kurz von der Bühne. In solchen Fällen muss es schnell gehen. Wir haben immer Leute im Team, die nähen können. Dann rennt jemand mit der Hose in die Schneiderei, näht die Naht möglichst schnell mit der Maschine wieder zu und bringt sie zurück. Zum Glück sind die Darsteller*innen sehr professionell und können solche Situationen gut auffangen.
WIE AUS EINER FRÜHEN LEIDENSCHAFT EIN BERUF WURDE
Du kennst die Arbeit hinter der Bühne schon seit vielen Jahren. Wie bist du eigentlich zum Kostüm gekommen?
Ich bin damit aufgewachsen. Meine Mutter war Kostümassistentin beim Film, mein Vater hat ebenfalls in der Filmbranche gearbeitet. Ich habe schon in der Schule nähen gelernt und immer gerne handwerklich gearbeitet. Meine Mutter hat mir früher auch meine Karnevalskostüme genäht. Über meinen Vater bekam ich während meiner Schulzeit ein Praktikum bei Elisabeth in Essen. Dort durfte ich auch als Dresserin arbeiten, und das hat mir unglaublich viel Spaß gemacht.
Und daraus wurde direkt dein erster Job?
Ja! Nach dem Abitur wurde ich für die Deutschlandtour von Elisabeth übernommen. Wir waren unter anderem in Frankfurt, Berlin und Hamburg. Danach habe ich bei Mozart! Das Musical gearbeitet. Wir haben in Duisburg geprobt und gespielt und waren anschließend für etwa sechs Wochen in Shanghai. Das war für mich damals ein riesiges Erlebnis, weil ich noch sehr jung war und zum ersten Mal für eine Produktion so weit ins Ausland gereist bin.
Anschließend hast du dich für eine Ausbildung im Modebereich entschieden.
Genau. Ich habe in Süddeutschland eine schulische Ausbildung gemacht, bei der ich Modedesign und Damenmaßschneiderei kombinieren konnte. Anschließend habe ich noch meinen Meister gemacht. Die Ausbildung war sehr praxisorientiert: Wir haben vom ersten Tag an genäht und uns Schritt für Schritt an immer kompliziertere Techniken herangearbeitet.
Du hast auch beim Film gearbeitet. Was gefällt dir am Theater besser?
Dass man eine Geschichte von Anfang bis Ende erzählt. Beim Film wird ja häufig ganz durcheinander gedreht, je nachdem, welche Drehorte gerade zur Verfügung stehen. Im Theater erlebt man dagegen jeden Abend die ganze Geschichte. Das finde ich besonders schön.
ZWISCHEN NÄHMASCHINE UND PERSONALPLANUNG
Du hast zunächst als Dresserin gearbeitet und leitest inzwischen kommissarisch die Kostümabteilung. Was hat sich dadurch für dich verändert?
Vor allem der Anteil an organisatorischer Arbeit. Als Dresser ist man jeden Abend backstage, hilft den Darsteller*innen beim Umziehen und hat die Kostüme ständig in der Hand. Man merkt sofort, wenn irgendwo eine Naht aufgeht oder etwas repariert werden muss. In der Abteilungsleitung sitze ich dagegen viel am Computer, kümmere mich um Bestellungen, Personal und die gesamte Organisation.
Fehlt dir die praktische Arbeit manchmal?
Ja, schon. Ich mache die Leitungsarbeit wirklich gerne und merke, dass ich darin aufgehe. Aber das Nähen fehlt mir. Wenn ich am Wochenende einmal einen Schnitt erstelle oder ein Jackett nähe, merke ich sofort, wie viel Spaß mir das macht. Am Ende hat man etwas in der Hand, das man selbst geschaffen hat. Wenn man den ganzen Tag E-Mails schreibt, erledigt man natürlich ebenfalls wichtige Aufgaben, aber dieses unmittelbare Ergebnis fehlt.
Gibt es unter den Kostümen von Das Phantom der Oper schon ein persönliches Lieblingsstück?
Ich glaube, das wird eher eines sein, an dem ich selbst gearbeitet habe. Wenn ich beispielsweise eine Jacke zugeschnitten habe und sie später auf der Bühne sehe, ist das ein schönes Gefühl. Ich bewundere bei Kostümen vor allem die handwerkliche Arbeit und die Schnittführung. Natürlich finde ich auch das gesamte Kostümbild von Das Phantom der Oper toll, weil es so gut zu dem Stück passt. Aber für mich ist oft besonders interessant, wie ein Kostüm konstruiert ist.
„DAS WERTVOLLTE IST EIN TEAM, DAS SICH GEGENSEITIG UNTERSTÜTZT.“
Was sollte jemand mitbringen, der gerne in einer Kostümabteilung am Theater arbeiten möchte?
Natürlich ist es hilfreich, wenn man nähen kann, wichtig ist aber vor Allem ein Interesse an Kostümen. Aber für die Arbeit als Dresser*in ist eine Schneiderausbildung keine Voraussetzung. Wir bieten auch Workshops an, in denen wir beispielsweise zeigen, wie man Knöpfe oder Haken annäht. Solche kleineren Reparaturen können die Dresser*innen dann selbst übernehmen und damit die Schneiderei entlasten. Man sollte sich aber darüber im Klaren sein, dass die Arbeitszeiten am Theater besonders sind. Wir arbeiten abends, an Wochenenden und an Feiertagen, also häufig dann, wenn andere Menschen frei haben. Und während einer Vorstellung herrscht immer ein gewisser Zeitdruck. Wenn jemand auf die Bühne muss, muss das Kostüm fertig sein. Da kann man nicht einfach sagen: Wir brauchen noch fünf Minuten.
Was macht für dich trotz dieses Drucks den besonderen Reiz des Berufs aus?
Ganz klar die Menschen. Ich habe momentan ein tolles Team, und das macht unglaublich viel aus. Wenn man sich gegenseitig unterstützt und sich aufeinander verlassen kann, ist das enorm wertvoll. Das habe ich auch schon bei Moulin Rouge! Das Musical so erlebt. Dort hatte ich immer das Gefühl, dass alle so akzeptiert wurden, wie sie sind. Dieses Miteinander ist für mich eines der schönsten Dinge an der Theaterarbeit.