
Wenn auf der Bühne alles mühelos wirkt, ist im Hintergrund höchste Präzision gefragt. Lena Haskamp begleitet Moulin Rouge! Das Musical seit den Anfängen in Köln und sorgt heute als Leitung des Stage Managements dafür, dass jede Vorstellung präzise orchestriert abläuft. In diesem Porträt erzählt sie von ihrem Weg vom Kreuzfahrtschiff über Hamburg nach Köln, gibt Einblicke in die Abläufe hinter den Kulissen und beschreibt jene Momente, die eine Show für sie lebendig machen.
Vom Kreuzfahrtschiff ins Musicaltheater
Mein Weg ins Musicaltheater begann eigentlich auf dem Meer. Dort habe ich viele Jahre auf Kreuzfahrtschiffen im Entertainment gearbeitet. Gegen Ende meiner Zeit habe ich mich zunehmend auf den Showbereich spezialisiert und schließlich den kompletten Showbetrieb an Bord betreut – mit Sängern, Tänzern, Artisten und Technikern. Diese Zeit war unglaublich intensiv und lehrreich. Die Erfahrungen, die ich dort machen durfte, waren der Ausgangspunkt für meinen späteren Weg ins Stage Management. Denn dann kam die Corona-Pandemie. Plötzlich saßen wir alle zu Hause, und ich hatte Zeit, über die nächsten Schritte nachzudenken: Möchte ich weiterhin auf dem Schiff arbeiten – oder doch wieder stärker an Land?
Der Weg ins Stage Management
Während dieser Zeit habe ich gemerkt, dass es an Land Berufe gibt, die meinem bisherigen Aufgabenbereich sehr ähneln. Am meisten Überschneidungen hatte für mich das Stage Management. In England und den USA gibt es dafür eigene Studiengänge, in Deutschland kann man Stage Management allerdings kaum studieren. Hierzulande kommen viele Menschen über Umwege in diesen Beruf – oft aus der Veranstaltungstechnik. Für mich kam ein Studium im Ausland damals nicht infrage. Stattdessen habe ich während der Pandemie eine intensive Online-Fortbildung bei einer Dozentin aus Wales gemacht. Über mehrere Monate hinweg haben wir im direkten Austausch gearbeitet: von organisatorischen Grundlagen bis hin zu praktischen Übungen, bei denen man am Computer lernen konnte, erste Cues zu „callen“. Interessant war dabei die Erkenntnis, wie viel Stage-Management-Arbeit ich auf dem Schiff eigentlich schon gemacht hatte – ohne es so zu nennen.
Erste Station: Stage Management in Hamburg
Als die Pandemie langsam abklang, stand für mich die Entscheidung fest: Ich möchte an Land bleiben und ins Theater gehen. Relativ schnell ergab sich die Chance, in Hamburg im Stage Management zu arbeiten. Dort war ich knapp zwei Jahre tätig und habe zunächst als Floater begonnen. Diese Position ist für viele der Einstieg. Während der Show stehen Floater auf den Seitenbühnen – jeweils einer auf Stage Right und einer auf Stage Left. Unsere wichtigste Aufgabe ist die Bühnensicherheit: Wir achten darauf, dass Darsteller sicher auf- und abgehen, dass Wege eingehalten werden und Umbauten reibungslos funktionieren. Gerade bei großen Musicalproduktionen bewegen sich viele Elemente gleichzeitig. Teile kommen aus der Decke, Bühnenbilder fahren auf die Bühne, Darsteller müssen exakt zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Unsere Aufgabe ist es, diesen Ablauf gemeinsam mit der Bühnentechnik abzusichern.
Der Schritt nach Köln
Nach zwei Jahren in Hamburg ergab sich für mich eine neue Möglichkeit: der Wechsel nach Köln zur Produktion von Moulin Rouge! Das Musical. Ich war von Beginn an dabei, als die Produktion eingerichtet wurde. Solche Aufbauphasen sind etwas Besonderes, weil man den gesamten Prozess miterlebt – von den ersten Proben bis zur fertigen Show. Die Proben begannen zunächst in Düsseldorf, bevor wir schließlich ins Theater gingen und dort zum ersten Mal das komplette Bühnenbild mit Lichtdesign erleben konnten. Das sind Momente, die man nicht vergisst.
Der „technische Dirigent“ der Show
Neben den Floatern gibt im Stage Management auch die Position des Callers. Der Caller sitzt hinter den Zuschauern mittig im Saal mit Blick auf die Bühne. Vor sich hat er das Callbuch – das vollständige Skript der Show mit allen Songs, Dialogen und technischen Abläufen. Wenn ein bestimmter Moment im Stück erreicht ist – ein musikalischer Auftakt, ein Satz im Dialog –, gibt der Caller einen Cue frei. Dieser Cue löst zum Beispiel einen Lichtwechsel oder eine Bühnenbewegung aus. Alle technischen Bereiche warten auf diese Freigaben. In einer Produktion wie Moulin Rouge! Das Musical kann das eine enorme Anzahl sein. Die letzten Automations-Cues liegen ungefähr im Bereich von 1000, die letzten Licht-Cues etwa bei 1280. Deshalb wird der Caller oft als technischer Dirigent der Show beschrieben.
Konzentration hinter den Kulissen
Während einer Show muss man zweieinhalb bis drei Stunden hochkonzentriert bleiben. Man verfolgt das Callbuch, beobachtet mehrere Kamerabilder – etwa von bestimmten Bühnenpositionen – und kommuniziert gleichzeitig über die Intercom mit allen Gewerken. Wenn auf der Bühne etwas passiert, muss man sofort reagieren können. Sicherheit hat immer oberste Priorität. Zum Glück gibt es auch ruhigere Momente. Manche Songs laufen beispielsweise über Timecode, bei dem bestimmte Abläufe automatisch ausgelöst werden. Trotzdem bleibt alles im Callbuch dokumentiert, damit es im Notfall manuell gesteuert werden kann.
Wann man merkt, dass ein Abend besonders gut läuft
Trotz aller Technik bleibt jede Vorstellung ein Live-Ereignis. Deshalb entwickelt jede Show ihren eigenen Rhythmus. Ob ein Abend besonders gut funktioniert, zeigt sich oft schon sehr früh. Bei manchen Shows merkt man schon im Opening, wie der Abend laufen wird. Das Opening dauert etwa fünfzehn Minuten – eine Phase, in der sich das Zusammenspiel zwischen Dirigent, Cast und Technik einpendelt. Viele Cues orientieren sich an musikalischen Einsätzen oder Zeichen des Dirigenten. Auch die gesprochenen Texte der Darsteller spielen eine Rolle für das Timing. Wenn hier alles präzise zusammenläuft, entsteht schnell ein Flow, der sich durch den ganzen Abend zieht. Gleichzeitig nimmt das Stage Management aber auch das Publikum wahr. Man merkt relativ schnell, wie der Saal reagiert. Manche Abende sind sehr laut und enthusiastisch, andere eher zurückhaltend – auch das beeinflusst die Dynamik der Vorstellung. Nach dem Opening hat man deshalb meist schon ein Gefühl dafür, wie der Abend verlaufen wird. Der Rest der Show bleibt zwar hochkonzentrierte Arbeit – aber wenn die ersten Minuten stimmen, ist das oft ein gutes Zeichen für den weiteren Verlauf.
Eine Show voller besonderer Momente
Selbst nach mehreren Jahren gibt es Szenen, die mich immer wieder begeistern. Eine meiner Lieblingsnummern ist „Backstage Romance“, eine große Ensemble-Sequenz mit einem Medley aus Songs wie „Seven Nation Army“ und „Toxic“. Wenn dann das Licht perfekt dazu passt, entsteht eine unglaubliche Energie auf der Bühne. Auch „Roxanne“ beeindruckt mich jedes Mal: Nach der Szene mit der Schaukel wird die Bühne plötzlich sehr reduziert, nur einzelne Spots bleiben übrig – und nach und nach kommen wieder mehr Darsteller dazu. Auch gesanglich ist dieser Moment sehr besonders in der Show.
Erinnerungen an eine besondere Zeit
Wenn man von Anfang an bei einer Produktion dabei ist, sammelt man im Laufe der Jahre viele besondere Erinnerungen. Für mich gehören dazu vor allem die ersten Proben – damals noch in Düsseldorf – und der Moment, als wir zum ersten Mal das fertige Bühnenbild im Theater gesehen haben, mit Lichtdesign und allem, was später jeden Abend Teil der Show wurde.
Auch persönliche Meilensteine bleiben natürlich im Gedächtnis. Die erste Show, die ich selbst gecallt habe, war so ein Moment. Wobei man bei der allerersten Vorstellung oft so nervös ist, dass man sich im Nachhinein eher an die zweite oder dritte erinnert. Mit der Zeit verändert sich auch eine Produktion: neue Casts kommen dazu, andere gehen, einige bleiben über Jahre. Wenn man zurückblickt, merkt man erst, wie viele unterschiedliche Phasen eine Show durchläuft.
Besondere Ereignisse gehören ebenfalls dazu – etwa der Auftritt der gesamten Cast bei der Finalshow von „Germany’s Next Topmodel“. Solche Abende sind auch für uns im Stage Management etwas Besonderes, weil man die eigene Produktion plötzlich in einem ganz anderen Kontext erlebt. Und natürlich gibt es auch die kleinen Geschichten hinter der Bühne: Pannen, die das Publikum nie bemerkt, spontane Lösungen oder Momente, in denen einfach alles perfekt zusammenläuft.
Am Ende bleibt eine Sammlung vieler solcher Augenblicke. Und genau das macht für mich den Reiz dieses Berufs aus: Jeden Abend entsteht ein komplexes Live-Ereignis – getragen von vielen Menschen, die im Hintergrund zusammenarbeiten, damit auf der Bühne alles selbstverständlich wirkt.