
Ein Musical über die „Weiße Rose“ – kann das funktionieren? Vera Bolten (Buch, Songtexte, Regie) und Alex Melcher (Musik) haben bewusst diese Form gewählt und erzählen, wie aus einer langjährigen Idee ein gemeinsames Bühnenprojekt wurde. Ein Gespräch über künstlerische Freiheit und historische Genauigkeit, um Zweifel von außen und den Anspruch, eine Geschichte über Mut und Widerstand heute neu erlebbar zu kreieren.
Wie entstand die Idee, ein Musical über die Geschichte der „Weißen Rose“ zu schreiben?
Vera Bolten: Die ursprüngliche Idee hatte Alex schon in den 90er-Jahren.
Alex Melcher: Ich bin mit Bands und Schallplatten aufgewachsen. Konzeptalben wie „The Wall“ von Pink Floyd oder Genesis, die in einer Dreiviertelstunde oder Stunde eine ganze Geschichte erzählen und musikalisch umsetzen, haben mich fasziniert. Aber ich habe damals ziemlich schnell gemerkt, dass ich dem Anspruch, interessante oder wichtige Geschichten musikalisch umzusetzen, noch nicht gerecht werden konnte. Also habe ich den Gedanken daran erst einmal zur Seite gelegt. Es hat viele Jahre gedauert, aber wirklich losgelassen hat es mich nie. Bei Vera hatte ich das Gefühl, dass sie genau die Richtige für so ein Projekt ist – was dann ja auch so war.
Vera Bolten: Ich war von der Idee, ein Musical über die „Weiße Rose“ zu schreiben, sehr schnell begeistert. Vor allem, da ich immer gedacht habe: Wenn wir mal ein Stück schreiben, dann muss das inhaltlich relevant und so interessant sein, dass wir den Menschen damit wirklich etwas mitgeben können. Deutsche Geschichte und Erinnerungskultur war für uns immer ein Thema, weil wir auch beide politisch sehr interessiert sind. So richtig Fahrt aufgenommen hat das Projekt in der Corona-Zeit, in der wir Darsteller ja alle gezwungen waren, zu Hause zu bleiben; und da hatten wir dann die Zeit, Ideen, die schon angedacht oder angefangen waren, zusammenzufügen und das Stück in eine Form zu bringen.
Gab es auch Bedenken, aus so einer Geschichte ein Musical zu machen?
Vera Bolten: Diese Stimmen kamen eigentlich erst, als wir es schon fertig hatten und klar war, dass es aufgeführt wird.
Alex Melcher: Ich denke nicht in Schubladen und wollte den ganzen Skeptikern zeigen, was Musical kann und dass es nicht nur eine pure kommerzielle Unterhaltungsschiene ist. Ich habe mich die ganze Zeit von allem, was von außen gedacht wurde, komplett befreit, weil es für mich ein persönliches Anliegen war, das Stück zu machen. Viele Menschen in Deutschland sehen im Musical vor allem Unterhaltung, aber das ist ja nicht alles. In Amerika am Broadway und in England am West End fehlen solche Berührungsängste völlig, da werden ganz andere Themen als Musical behandelt. Daher war es für uns ein Anliegen zu sagen, lasst uns mit diesem Schubladendenken aufhören. Wichtig ist der Respekt vor dem Thema. Das Feedback, das wir aus verschiedensten Richtungen bekommen haben, bestärkt uns. Vera wurde anfangs mal gefragt: „Wie kann man daraus ein Musical machen?“ Und ihre Antwort war: „Wie kann man das nicht?“
Vera Bolten: Wir haben uns intensiv mit den Mitgliedern der „Weißen Rose“ beschäftigt und festgestellt, dass es junge Menschen waren, die unheimlich kunst- und musikinteressiert waren, die gerne gemalt und getanzt haben; es war einfach ein wichtiger Teil in ihrem Leben. Und Musical ist eine Unterhaltungsform, die diese ganze Kunst auf einer Bühne zusammenbringt und perfekt passt, um die Gefühle und das Handeln solcher jungen Leute darzustellen und Identifikationsmöglichkeiten zu bieten, die nicht aus dem Kopf, sondern aus dem Bauch kommen.
Wie lief die Zusammenarbeit ab? Gab es klar getrennte Arbeitsbereiche oder viel gegenseitigen Austausch?
Vera Bolten: Es gab auf jeden Fall getrennte Arbeitsreiche, weil Alex ja im Studio arbeitet. Er schreibt da seine Musik, spielt sie und nimmt sie dann auch direkt auf. Ich habe erstmal vor allem gelesen, hatte häufig zehn Bücher vor mir liegen und habe viel am Computer gesessen. Insofern haben wir getrennt voneinander gearbeitet, uns dann aber immer für die Absprache des nächsten Schrittes oder des nächsten Sinnabschnittes am Kaffeetisch getroffen, um zu diskutieren, wie wir weitermachen. Manchmal haben wir auch wirklich für Sachen, die uns ganz wichtig waren, gekämpft. Es ging auch mal so weit, dass wir gesagt haben: „Das bleibt auf jeden Fall drin, ansonsten kannst du alleine weiterschreiben.“ Aber eigentlich hat das so sehr gut funktioniert und ging leicht von der Hand, weil wir unsere Bereiche klar aufgeteilt haben. Ich habe Alex nicht in seine Musik reingeredet, außer wenn er mal gesagt hat: „Hey, hör dir das mal an - ist es genau das, was wir wollen?“ Dann sage ich meine ehrliche Meinung. Und genauso hat er mir auch komplett freie Hand gelassen, wie ich die Geschichte erzählen möchte, welche Szenen, welche Bereiche ich reinbringe, wer wann in der Geschichte dazukommt, wie viel Raum ich den einzelnen Charakteren gebe, welche Anekdoten wirklich erzählt werden. Es gab zwischen uns vollstes Vertrauen.
Wie groß ist die Nähe zu den historischen Fakten? War das ein wichtiges Anliegen?
Vera Bolten: Das stand für mich von Anfang an im Vordergrund, weil das mit Demut vor der Größe der Geschichte zu tun hat. Ich würde mir niemals anmaßen von dem, was historisch überliefert ist, abzuweichen. Es gibt da wirklich absolut keinen Grund, nicht ganz nah an den Fakten zu bleiben.
Alex Melcher: Es ist wirklich ein Kraftakt, den Vera gemeistert hat, es dramaturgisch hinzukriegen, aus so einem großen Thema mit so vielen Protagonisten in zweieinhalb Stunden eine Geschichte zu erzählen, ohne von den Fakten abzuweichen. Meine Anfangsidee war: Ich wollte zwar über diese Gruppe schreiben, hatte aber bald das Gefühl, dass es unmöglich ist und wir uns vielleicht auf einen oder zwei Charaktere beschränken müssen. Und Vera hat ziemlich schnell gesagt, dass sie das nicht möchte, es solle die ganze Gruppe porträtiert werden.
Vera Bolten: Das ist ja auch das Feedback, das wir gerade von den Angehörigen, die ihre Vorfahren vielleicht bisher ein bisschen unterrepräsentiert empfunden haben, bekommen haben: Die haben es begrüßt, dass wirklich jeder Raum in dem Musical bekommt. Und es war auch mir ein Anliegen, weil ich die alle ins Herz geschlossen habe und an jeden erinnern wollte.
Wie fielen die Reaktionen des Publikums aus?
Vera Bolten: Was ich immer wieder gespürt habe, war eine Energie von Dankbarkeit. Ich habe das Gefühl, dass die Zuschauer wirklich etwas aus dem Theater mitgenommen haben – etwas, das nicht einfach nur schön oder nett war, sondern den Wunsch, sich direkt mit anderen Menschen auszutauschen.
Alex Melcher: Das haben wir auch in den Nachgesprächen, die wir in Füssen und München angeboten haben, als Rückmeldung bekommen: Viele Leute sind nach der Vorstellung dageblieben, weil sie teilen wollten, was sie empfunden haben. Wir haben einige Zuschriften bekommen von Leuten, die beschrieben haben, wie es ihnen damit gegangen ist, wie sie sich danach gefühlt haben und was das in ihnen ausgelöst hat. Das war eine schöne Erfahrung – hoffnungsvoll auf eine Art und Weise, da man so merkt, dass es doch viele Leute gibt, die sich auch intensiv mit diesen Themen beschäftigen und denen wichtig ist, dass nichts vergessen wird.
Was sollen die Leute mitnehmen, die sich Die Weiße Rose ansehen?
Vera Bolten: Sie sollen mitnehmen, dass Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und die Freiheit, in der wir leben, nicht selbstverständlich sind. Und dass dies alles ein besonderes Gut ist, das wir – nämlich die Menschen, die in so einer Demokratie leben – verteidigen müssen. Ich würde mir wünschen, dass die Leute durch das Musical motiviert werden, stärker Position zu ergreifen.
Alex Melcher: Ein großer Teil unserer Arbeit ist die Erinnerungskultur, dass wir Deutschen unsere Geschichte niemals vergessen dürfen. Es gibt immer mehr Stimmen, die sagen: „Das können wir doch jetzt hinter uns lassen, das ist jetzt so lange her, es muss mal gut sein.“ Das finden wir überhaupt nicht. Es darf nie „gut sein“ weil aus diesem Wissen ja auch eine Verantwortung erwächst. Und diese Verantwortung müssen wir weitertragen.
Vielen Dank für das Gespräch!
10.06.-13.06.2026, Berlin (Admiralspalast)
17.06.-21.06.2026, Düsseldorf (Capitol Theater)
28.07.-02.08.2026, Köln (Kölner Philharmonie)